Presse

Die vergessenen Toten
Maximilian Buddenbohm
Mai 26, 2006 | | 17 Kommentare
Wenn man, was ja vorkommen kann, an seine eigene Beerdigung denkt, weil man etwa gerade auf der eines anderen war zum Beispiel, hat man unwillkürlich ein Bild vor Augen. Man sieht die eigenen Hinterbliebenen vor sich, die Verwandten, die Lieben und Nächsten, man sieht sie am Grab oder bei der Trauerfeier. Man fragt sich eventuell auch, natürlich im ganz fernen Konjunktiv, welches Ritual man eigentlich selbst wohl wollen würde, ob Verbrennung oder nicht, ob Grabstelle oder nicht und so weiter. Man denkt dabei sicher eher nicht daran, daß es vielleicht keinen gibt, der zu der Beerdigung kommt – zum Beispiel weil einen gar keiner kennt. Ich habe von jemandem gehört, der regelmäßig solche Menschen beerdigt, die niemanden mehr hatten und ich habe ihn dabei begleitet.
Es ist kurz nach sieben Uhr an einem Dienstagmorgen. Ich stehe vor dem Feierraum Nord des riesigen Öjendorfer Friedhofs in Hamburg, auf dem natürlich um diese Uhrzeit noch keine Besucher zu sehen sind. Ein Naturparadies, überall Eichhörnchen in den Bäumen und Singvogelarten, die ich schon erschreckend lange nicht mehr gesehen habe. Auf den Wegen und über den Gräbern gehen Gänse in aller Ruhe spazieren und ein paar Kaninchen gucken mich skeptisch aus den Büschen an. Keine Menschenseele weit und breit, denke ich, und bleibe in Gedanken bei der Formulierung hängen. Ich treffe mich hier mit Frater Rafael, der gleich zwanzig Menschen auf einmal beerdigen wird. Zwanzig Menschen, von denen er nichts weiß als die Namen und das erreichte Alter. Frauen und Männer, verschiedene Jahrgänge. Vor ein paar Minuten fuhr eine Art kleiner Trecker an mir vorbei, mit fünf kleinen Holzkisten auf der Ladefläche, da waren ihre Urnen drin.
Frater Rafael kümmert sich in Hamburg um die vergessenen Toten, die keine Angehörigen hinterließen – oder doch zumindest keine auffindbare und auch zahlungswillige Verwandtschaft. Menschen, die niemanden mehr hatten, keine Familie, meist auch keine Freunde. Teils, weil sie alle überlebt haben, teils, weil sie irgendwie aus der Gemeinschaft gefallen sind. Obdachlose etwa. Die Namen sind bekannt und auch das erreichte Alter, aber die Geschichte des Menschen, all seine Geschichten, sind schon jetzt wie gelöscht und vielleicht auch tatsächlich aus aller Erinnerung verschwunden.
Frater Rafael ist ein ehemaliger Benediktiner, der zusammen mit einem evangelischen Pastor in Hamburg ehrenamtlich die Aufgabe übernommen hat, sich um die Seelsorge für diese vergessenen Toten zu kümmern und das zu tun, was ihm Christenpflicht ist. Gäbe es diese beiden Freiwilligen nicht, wäre da wirklich niemand. Es gibt keine Kirchengemeinde, die sich in solchen Fällen geregelt zuständig fühlen würde, erklärt er mir zu meinem Erstaunen. Wir fahren in seinem Auto dem kleinen Trecker nach, an ausgedehnten Rasenflächen vorbei, unter denen Hunderte liegen, die ohne Trauergemeinde beerdigt wurden, man sieht nur die weite, grüne Fläche, keine Grabstellen. Ganz selten irgendwo ein verlorenes, einsames Kreuzchen oder ein Grablicht, es fällt kaum auf. Die Friedhofsverwaltung weiß natürlich, wer wo liegt und könnte auch Auskunft geben. Wenn sich jemand findet, der gedenken möchte, er kann es an der richtigen Stelle tun, aber es kommt kaum vor.
Die fünf Holzkisten wurden abgeladen und stehen jetzt geöffnet nebeneinander in einer Reihe auf dem Rasen. In jeder Kiste vier Urnen, auf einem Aufkleber jeweils die Namen und die Daten der Geburts- und Todesjahrgänge. Frater Rafael segnet die Urnen, er betet für die Toten, er singt. Er steht einen Augenblick still vor der Reihe, dann ist es auch schon vorbei. Die Urnen werden in die vorbereiteten Löcher gelegt und damit sind dann auch die Namen verschwunden. Es dauert keine zwanzig Minuten, die zwanzig Menschen zu beerdigen.
Die Stadt Hamburg muß für diese Toten aufkommen, denn tote Menschen müssen beerdigt werden, auch wenn keiner dafür zahlen möchte. Die Stadt hat kein Geld und tut das gesetzliche Minimum, Schmuck oder religiöse Zeremonien gehören nicht dazu. Die Toten werden in dem günstigsten Sarg verbrannt, eine Einäscherung ohne Sarg ist nicht zulässig. Die Asche wird mit einem Stein, der die persönlichen Daten trägt, anschließend auf einem Feld beigesetzt, zu einer Uhrzeit, die man gemeinhin als „unchristlich“ bezeichnet. Seltsam passend, daß sogar die Stunde dieser Beerdigungen so am Rande liegt. Daß über der Erde nichts bleibt, kein Kreuz, kein Stein, kein Kranz, hat Kostengründe. Man kann sich auf dem Rasen umsehen und denken, daß da sehr viele liegen, weil die Fläche so groß ist, aber mehr Anhaltspunkte gibt es nicht. Einfach ein Rasen, mit sehr viel Gänseblümchen.
Im Jahr 1998 wurden in Hamburg auf diese Art 380 vergessene Tote beerdigt, im Jahr 2006 werden es etwa 800 sein. Tendenz wahrscheinlich weiter steigend, die Gesellschaft wird älter und ärmer. Die Hamburger Bürgerschaft hat immerhin gerade beschlossen, ein wenig Geld bereitzustellen für Blumenschmuck und dergleichen, um zumindest die Flächen, und damit die Gesamtheit der geschichtslosen Toten, etwas zu würdigen, wenn schon nicht die Einzelnen. Frater Rafael, der sich unentwegt für die Würdigung dieser Toten einsetzt, sieht das als sehr gutes Zeichen.
Nächste Woche Dienstag wird er wieder frühmorgens vor einer Reihe von Urnen stehen.
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17 Kommentare

saxana am 26. Mai 2006 um 14:20
Bin ziemlich betroffen. Aber scheinbar ist Urnenbestattung noch immer das Billigste, falls man selbst mal so weit ist.

Dhania am 26. Mai 2006 um 22:16
Wir sind ohne Namen geboren, wieso sollen wir mit Namen beerdigt werden? Was wird hier eigentlich beerdigt? Doch nur der Körper, die leere Hülle, die wir nicht sind und nie waren.
So beigesetzt zu werden, hat nichts mit Geiz, nichts mit Pietätslosigkeit oder Einsamkeit zu tun, und ist kein Grund zur Betroffenheit; es zeugt von einem anderen Verständnis von Leben und Tod, von Körper und Seele, vom Sein.
Ja, ich möchte, dass meine nutzlos gewordene Hülle in genau so einem Grab beigesetzt wird, weil ich weiss, dass ich eine unsterbliche Seele bin, die nur ihren bedingten Körper zurücklassen wird, und dann frei sein wird.
Es ist unwichtig, Spuren zu hinterlassen, wichtig ist nur, weiter zu gehen!

Merlix am 26. Mai 2006 um 23:05
Pardon, aber die Annahme, diese Art der Beerdigung wäre aus esoterischen Überlegungen heraus korrekt, mag natürlich für Ihre individuelle Sicht zutreffen. Aber anzunehmen, die Hamburger Behörden würden Ihre Haltung teilen und daher so handeln, wie sie es tun, ist vollkommen abwegig. Da kann man dann doch getrost von einer im wahrsten Sinne des Wortes billigeren Motivation ausgehen.

Markus Merz am 27. Mai 2006 um 02:23
Dies ist eine sehr schöne Hamburgensie, bei der weder die Kirchen noch die Stadt besonders gut wegkommen … mal ganz abgesehen von den steigenden Zahlen und der unchristlichen Uhrzeit.
Nebenbei, die erste Herzdame-Geschichte, die ich bei hamburg.org wieder finde.

Remington am 27. Mai 2006 um 09:40
Meine Eltern haben es sich genau so gewüscht, unerkannt und dabei, wer will. Kein Stein, kein Gesang, gar nichts. Wir Kinder haben das Anfangs nicht verstanden, heute schon. Den Menschen genügt es, ihre Geburt auf einem Blatt Papier bestätigt zu haben, für den Tod muss es schon ein Stein sein.
Vater meint, das wäre alles nur Eitelkeit. Es fällt nun mal so schwer einzusehen, dass man hinterher doch nur ein Haufen vergammelndes Fleisch ist und dass alles, was man im Leben an Taten vollbracht und an Gütern gesammelt hat, nichts mehr zählt.
Gegen Eitelkeit dieser Art hilft auch mal ein Besuch im Altenheim oder gar im Hospitz. Dort sitzen Generaldirektoren neben Putzfrauen und kacken in die gleiche Sorte Windel, weil die passenden gerade aus sind. Und die Gesprächsthemen sind mit Sicherheit nicht irgedwelche Bilanzen oder Summen.

Bea am 27. Mai 2006 um 12:02
Schöner Artikel, gerade auch weil er zu einer Zeit zu lesen ist, in der nicht obligatorisch der Toten gedacht wird. Ich wundere mich allerdings etwas über manche Kommentare, die irgendwie eine andere Wirklichkeit zu beschwören scheinen. Beispielsweise bin ich mir ziemlich sicher, dass der Generaldirektor nicht neben der Putzfrau in die gleiche Sorte Windeln…, es sei denn, er hätte vor seinem Ableben noch die Gesellschaftsschicht gewechselt. Und es ist ein großer Unterschied, ob in einer Gesellschaft die Möglickeit besteht, sich anonym und ohne kirchlichen Segen bestatten zu lassen oder als einsamer, vergessener Mensch ohne entsprechende Zeremonien beigesetzt zu werden. Dem Toten ist das wahrscheinlich egal, er ist ja tot. Aber gesellschaftlich gesehen kann es nicht egal sein, so wie einem eine mumifiziert Leiche in der Nachbarwohnung wahrscheinlich auch nicht egal ist, nicht egal sein sollte.

keineinzelfall am 27. Mai 2006 um 12:07
Unbedingt ein heftig zustimmendes Nicken an Remington. Andererseits: Was der Bruder da tut (und möglicherweise einfordert), ist, einfach ein Stück von dem aufzubringen, was man altmodischerweise wohl als Achtsamkeit bezeichnen würde.
Jedenfalls schön, dass diese Dienstagmorgen es ins Blog geschafft haben.

Jule am 27. Mai 2006 um 17:10
Wenn man sich diese Art der Bestattung aussucht, weil man das, aus welchen gründen auch immer, genau so möchte, ist das eine Sache.
Aber diese Menschen die dort anonym beerdigt werden, haben es sich bestimmt nicht so ausgesucht und wenn sie die Wahl gehabt hätten, hätten sie es sich in den meisten Fällen wahrscheinlich anders gewünscht. Das meiste sind einfach vergessene und übrig gebliebene Menschen dieser Gesellschaft.
Manche Kommenatre erscheinen mir hier etwas weltfremd.
Danke für diesen beitrag Merlix !

Tobias K. am 27. Mai 2006 um 17:57
Ich sag mal bewußt nicht viel. Aber Danke.

Markus Merz am 27. Mai 2006 um 17:59
Ja, das schöne Wort ‚Achtsamkeit‘ und auch die individuelle Eitelkeit über den Tod hinaus. Ich gebe einfach mal zu bedenken, dass wir in einer Welt- und Hafenstadt leben, dass die Partei mit dem großen C im Namen den Bürgermeister stellt, das die Zahlen allein Gestorbener bedenkliche Zuwachsraten haben, dass die Amtskirchen Kirchensteuer kassieren, dass wahrscheinlich viele der allein Gestorbenen in ihrem Leben Kirchensteuer bezahlt haben und dass ein wenig Beachtung im Leben und nach dem Tod nicht nur etwas mit dem Geldbeutel zu tun haben sollte. Der Kernsatz mit dem leichten Geschmäckle ist doch wohl dieser: „Die Stadt Hamburg muß für diese Toten aufkommen, denn tote Menschen müssen beerdigt werden, auch wenn keiner dafür zahlen möchte.“
Man beachte auch nicht zuletzt das Heranschmeißen der zumindestens katholischen Kirche an das aktuelle „Fifa Fußball WM 2006 Trademark“ Geschehen. Der heilige St. Ansgar als Torwart vor dem Dom im Blue Goal? Bitte schön! Oder die Fußball-WM als Grund für ein wenig Selbstdarstellung mit Gottesdienst und Live-Übertragung? Hier/Händischer Trackback: Sankt Georg: Kirchliches Fußball-WM-Fest am 10.6.2006

Markus Merz am 27. Mai 2006 um 18:01
Oops, wo ist der letzte Link abgeblieben? Sorry, erneuter Versuch:
Händischer Trackback: Sankt Georg: Kirchliches Fußball-WM-Fest am 10.6.2006

Frater Rafael am 28. Mai 2006 um 17:54
Die Würde des Menschen ist unantastbar! Dies ist ein Artikel aus dem Grundgesetz. Ich sehe meinen Auftrag darin diese Grenze zu überschreiten und zu sagen: Die Würde des Menschen ist über den Tod hinaus unantastbar! Wahre christliche Nächstenliebe ist dieses verbindende Moment der Grablegungen.

saintphalle am 31. Mai 2006 um 09:00
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – ja, das ist wohl der Kerngedanke, der hinter diesem Artikel steht und in der Tat erscheinen mir einige Kommentare hier etwas fehl am Platz. Aber wie sollen wir einem Toten mit Respekt begegnen, wenn wir ihn schon als Lebenden vergessen haben?
Ein sehr berührender Text. Vielen Dank dafür!

Toujours-Moi am 1. Juni 2006 um 01:21
Ich wohne nicht weit weg von einem riesigen Friedhof in Berlin. Auch ich sitze immer wieder dort und betrachte Gräber, spüre die Stille, sehe Eichhörnchen und Spechte.
In den letzten Jahren sind es immer mehr anonyme Urnengräber geworden. Nicht nur von Menschen, die allein sterben (was schlimm ist), sondern auch von Menschen, deren Angehörige kein Geld für eine würdige, eine schöne Bestattung haben. Und mit all jenen, die unter den riesigen Rasenflächen liegen, stirbt ein Stückchen Kultur. Denn Kultur ist auch, wie wir unseren Toten gedenken…

Thinkabout am 1. Oktober 2006 um 21:31
Allein unter der Erde liegen, verbrannt zu Aschekrümeln, ohne gedenkenden Stein – das kümmert mich nicht, da ich hoffe, dann zumindest meine Eitelkeit überwunden zu haben…
Allein zu sterben, kann hart sein – aber am Ende tun wir es alle allein, und vielleicht ist das Abschiednehmen der noch grössere Schmerz?
Wer weiss das alles schon?
Die nicht gewollte Einsamkeit, die Qual, die das Leben grau macht, ist am Ende überwunden. Und das Faktum der posthumen Handlung der Gesellschaft an diesen Menschen quält höchstens uns, die wir noch immer ein Teil davon sind.

Frater Rafael am 16. Oktober 2009 um 16:08
Haloo liebe Freunde,
ich habe ab sofort auch eine Webseite:

Startseite


Ich würde mich auf zahlreiche Besuche freuen!
Euer Frater Rafael

Frater Rafael am 16. Oktober 2009 um 16:10
Die Würde des Menschen ist nach wie vor unverletzbar und nicht angreifbar, nicht hier und auch nicht dort!

 

 

Stell dir vor, es ist deine Beerdigung, und niemand geht hin. Das geschieht oft: Wer am Ende seines Lebens ganz allein war, der ist auch allein, wenn er begraben wird. In Hamburg nehmen sich zwei Seelsorger der vergessenen Toten an.

Von Nils Husmann

Dicht an dicht stehen sie auf dem kleinen Traueraltar, wie übergroße Konservendosen im Supermarktregal. Zwanzig Urnen. Durch den Feierraum Nord des Öjendorfer Friedhofs, draußen im Hamburger Osten, wabert eine Instrumentalversion von „Amazing Grace“ aus den Boxen eines tragbaren CD-Spielers. Die Stuhlreihen im Feierraum sind leer. Pastor Probst ist in ein kurzes Gebet versunken, als die CD anfängt zu springen. Er fährt die Lautstärke herunter. Es ist kurz nach neun Uhr an diesem Montagmorgen, und nach nicht einmal einer Viertelstunde endet die Trauerfeier, zwei Minuten zu früh,weil die CD ein paar Mal zu oft gespielt worden ist. Sie hat sich abgenutzt.

„Ich hatte ganz vergessen, dass das Lied einen Sprung hat“, sagt der Pastor eine halbe Stunde später, „aber irgendwie hat es ja zur Situation gepasst.“ Probst, Jahrgang 1949, dunkle Haare, angegrauter Kinnbart, stellt den CD-Spieler wieder zurück ins Regal in seinem Büro im Pflegezentrum Holstenhof, nur wenige Kilometer vom Öjendorfer Friedhof entfernt. Den Talar hatte er schon im Feierraum wieder ausgezogen. Seinen Arbeitstag als Heimseelsorger beginnt er in Jeans, weißem Hemd und Lederweste. Die zwanzig Toten hat der Theologe vor Dienstbeginn ausgesegnet, ehrenamtlich. Hätte Probst es nicht getan,wäre die Asche dieser Menschen demnächst einfach begraben worden.

Seit sechs Jahren ist Jürgen Probst Seelsorger in zwei Hamburger Pflegeheimen. Es dauerte nur ein paar Monate, bis er begriff, dass es Menschen gibt, die ohne jede Trauerfeier von Erden gehen. So wie die Frau, die jede Woche zu Probsts Hausgottesdienst gekommen war. Irgendwann fehlte sie. Der Pastor fragte nach. Gestorben, hieß es. „Aber keiner konnte mir sagen, wohin sie gekommen war.“ Probst lernte, dass Politiker und Beamte in Großstädten ein Verfahren geschaffen haben für Menschen, die niemanden mehr haben, wenn sie am Ende ihres Lebens angekommen sind. Ordnungsbehördliche Bestattung heißt dieses Prozedere in Berlin, Bestattung als Ersatzvornahme in Frankfurt am Main, Bestattung von Amts wegen in München.

„Bitte, Herr, lass uns nicht abstumpfen“

In Hamburg sind es die Bestattungen nach Paragraf 10 des Gesetzes über das Leichen-, Bestattungs- und Friedhofwesen, kurz: Zwangsbestattungen. Bestattungsrecht ist Ländersache, deshalb stehen unterschiedliche Begriffe für den annähernd gleichen Vorgang. Wenn ein Mensch stirbt und die Behörden keine „bestattungspflichtigen Angehörigen“ finden, die ein Begräbnis organisieren und bezahlen, kommt die Leiche von Amts wegen unter die Erde. Oft bekommen nur Behördenvertreter, Bestatter und einzelne Pfarrer etwas davon mit. In Berlin ereilt dieses Schicksal pro Jahr mehr als 2.000 Menschen, in Frankfurt 100, in München fast 500, in Hamburg 800. Aufs ganze Land hochgerechnet, verschwindet jedes Jahr eine Kleinstadt.

Etwa alle zwei Wochen packt Pastor Probst seinen CD-Spieler ein und fährt zum Öjendorfer Friedhof, um die Toten auszusegnen, „je nach Anfall“. Dann spricht er ein paar Bibelverse, fixiert die Urnen und wird wütend. „Ich frage mich immer wieder, warum sich niemand darum kümmert, wie diese Menschen unter die Erde kommen. Und sie selbst haben sich auch nicht darum gekümmert. Bitte, Herr, lass uns nicht abstumpfen.“ Ein Friedhofsbediensteter im dunklen Anzug liest die Namen der Toten vor. Herbert,Wilhelm, Margarete, ganz normale Namen. Über ihr Leben weiß Probst nicht mehr als das, was die Etiketten auf den Urnenverschlüsen über sie vermerken: Name, Registriernummer, Geburtstag, Todestag.

„Es ist schlimm, immer wieder mitzuerleben, dass manche Menschen niemanden mehr haben“, sagt Siegfried Carstens. Der Leiter des Öjendorfer Friedhofs ist diesmal zur Trauerfeier gekommen, ausnahmsweise, wahrscheinlich weil Besuch da ist. Bei seinem kurzen Auftritt gibt er ein Paradebeispiel der hanseatischen Kunst ab, zurückhaltend, aber trotzdem bestimmt aufzutreten. Die Anlage in Öjendorf gehört zu den Hamburger Friedhöfen, die Stadt ist Hauptgesellschafter. Und niemand, das hört man aus den höflich und ruhig vorgetragenen Worten des Friedhofsleiters heraus, soll den Eindruck gewinnen, dass Hamburg seine vergessenen Toten einfach so verschwinden lässt.

Familienfahnder haben nur selten Erfolg

In Hamburg suchen Mitarbeiter der Sozialämter und der Städtischen Friedhöfe nach Angehörigen,wenn sich zwei Wochen nach einem Todesfall noch kein Verwandter gemeldet hat. Für eine Suche bleibt ein guter Monat Zeit. Bis zu sechs Wochen darf eine Leiche in der Öjendorfer Verstorbenenannahme bleiben. Nach der Einäscherung kann der Friedhof die Urne noch einmal zehn bis zwölf Tage verwahren, dann muss bestattet werden. In dieser Zeit erkundigen sich die Familienfahnder in Heimen nach Angehörigen. Sie recherchieren in Melderegistern, bitten Standesbeamte um Hilfe, aber bis die antworten, sind die Toten meist schon unter der Erde. Erfolg haben die Fahnder selten. Nur in 15 Prozent der Fälle finden sie Angehörige.

Sie tun das nicht für die Toten, sondern für die Staatskasse. Denn die Familie ist verpflichtet, sich um die Bestattung von Verwandten zu kümmern. Die einzelnen Bundesländer bestimmen, wer dazuzählt. Hamburg zum Beispiel nimmt Ehepartner, Kinder, Schwiegerkinder, Enkel, Eltern, Geschwister, Großeltern,Tanten,Onkel, Nichten oder Neffen eines Toten in die Pflicht, sehr viele Menschen also. Wenn man sich die Hamburger Gesetze ins Leben übersetzt, verrät das viel über den Zustand von Großstadtfamilien: Sorgen die Steuerzahler für die letzte Ruhe eines Toten, muss er zu Lebzeiten von ziemlich vielen Mitmenschen vergessen worden sein.

Herbert, Wilhelm, Margarete. Wie kommt es, dass Menschen einfach so verschwinden können? Die Sozialämter der Hansestadt übermitteln nur die Namen und den letzten Wohnsitz der Verstorbenen – der Datenschutz hört mit dem Tod nicht auf. Aber immerhin, so entnimmt man daraus, gab es oft einen festen Wohnsitz. Zwangsbestattungen sind nicht nur ein Obdachlosen- oder Armutsphänomen. Die Toten stammen nicht aus einem bestimmten Milieu, teilt das Berliner Gesundheitsamt mit. Der einsame Tod geht quer durch alle Bevölkerungsschichten, informiert das Frankfurter Ordnungsamt. Alle Schichten sind betroffen, berichtet auch die Stadt München.

Viele überleben alle Angehörigen

Wenn nicht Armut, was denn dann? Jürgen Probst, der Pastor und Heimseelsorger, hat viel darüber nachgedacht. Die Menschen werden immer älter, sagt er, viele überleben alle Angehörigen. Die Arbeit zwinge oft zum Umzug, Kontakte gingen verloren, irgendwann sei dann keiner mehr da. Und einige Menschen seien Einzelgänger, einfach nur schwierig und deshalb einsam bis in den Tod. „Sie kennen sicher auch Menschen, mit denen Sie nichts zu tun haben wollen. Man darf nicht alles den Lebenden anlasten.“ Aber manches doch, und darüber kann der Pastor richtig wütend werden, weil die Geschichten von Menschen wie Herbert,Wilhelm und Margarete immer häufiger in seiner Zeit gespielt haben. Nur wenige Urnen, die der Pastor vorhin ausgesegnet hat, vermerken Geburtsjahrgänge aus den zwanziger Jahren. Die Dreißiger-, Vierziger-, Fünfziger-Jahrgänge sind oft schon in der Mehrzahl. „Denken Sie mal dran,was in der Gesellschaft los ist!“, sagt Probst und zählt auf: Die Menschen benutzten sich nur noch. Es gelinge ihnen nicht mehr, ihre Konflikte zu lösen. Die vielen Ehescheidungen hinterließen Wunden bei Kindern.

Aber wäre es dann nicht sinnvoller, den Menschen zu helfen, die heute noch leben, statt sich alle zwei Wochen mit einem Friedhofsbediensteten in einen Trauerraum zu stellen? „Ich kann die Gesellschaft nicht heilen. Ich kann den Menschen nur raten, auf ihre Beziehungen zu achten.“ Am Ende des Tages mit Pastor Probst geht man anders durch die große Stadt. Und in der U-Bahn fragt man sich plötzlich,wer wohl die Frau auf dem Platz gegenüber zu Hause erwartet.

Am nächsten Morgen um kurz nach sieben greift die Öjendorfer Arbeitsteilung zwischen Pastor Probst und Frater Rafael. Der Friedhof hat die Grablegung der 20 Urnen angesetzt, die Probst am Tag zuvor ausgesegnet hat. Wie immer frühmorgens, bevor der Friedhof offiziell öffnet. Später am Tag werden die Angestellten für reguläre Begräbnisse gebraucht. Sie dann für die Zwangsbestattungen abzuziehen, wäre zu teuer, argumentiert die Verwaltung. Es regnet so stark, dass sich Frater Rafael eine Outdoorjacke über den Talar ziehen muss. Sein schmales Gesicht mit dem Dreitagebart verschwindet fast unter der Kapuze.

Freischaffender Seelsorger hilft mit

Frater Rafael, ein orthodoxer Christ, stellt sich als freischaffender Seelsorger mit Schwerpunkt Trauerarbeit für Menschen ohne Kirchenbindung vor. Pastor Probst hat er vor vier Jahren kennengelernt, bei der Enthüllung der Skulptur „Die Beweinung“, die auf dem Friedhof an die vergessenen Toten erinnert. Seitdem teilen sie sich ihre selbst geschaffene, unbezahlte informiert das Frankfurter Ordnungsamt. Alle Schichten sind betroffen, berichtet auch die Stadt München. Alltagsökumene. Probst gestaltet die Aussegnungsfeier, Frater Rafael die Grablegung, „aus tiefer Menschenliebe“, wie er erzählt. Wer Frater Rafael so reden hört, hat zunächst Angst, seine Stimme könnte vor lauter Sanftmut verstummen. Aber plötzlich klingt sie kämpferisch, als die Rede auf die 20 Urnen kommt, die er nun bestatten will. Der Kampf geht auch um Begrifflichkeiten. „Wir wollen, dass die Toten nicht mehr als herrenlose Leichen bezeichnet werden.“ Viele Behörden machten das noch so, aber das klinge wie herrenloses Gepäck, das den Menschen auf Bahnhöfen und in den Zügen Angst mache. „Vergessene Tote“, das sei der richtige Begriff, erklärt er auf dem Weg von seinem Wagen zum Grabfeld. Das Auto hat er gemietet. So frühmorgens ist es schwer, mit Bussen zum Friedhof zu kommen, der mit seinen großen, von Efeu überwachsenen Bäumen und den weiten Rasenflächen wie ein Park wirkt.

Am Rande von Grabfeld 319-12.01 steht ein kleiner grüner Traktor mit Anhänger. Das ist der Bohrer. Auf dem Gehweg parkt ein Fahrrad, ein Spaten lehnt daran. Damit haben zwei Friedhofsangestellte 20 Löcher auf dem Rasen angedeutet. Die Urnen stehen schon in fünf grünen Holzkästen auf dem Rasen. Frater Rafael zündet ein rotes Grablicht an und stellt es vor die Kästen. Er bekreuzigt jede Urne und verneigt sich. Dann bittet er um Vergebung für die Toten und singt das Vaterunser. Er bekreuzigt sich, tritt ein paar Schritte zurück, verneigt sich noch dreimal und ruft: „Ewiges Gedenken.“ Als er zur Seite tritt, putzt er sich die Nase. Es ist kühl, und Frater Rafael sagt: „Wäre ich jetzt nicht hier gewesen, die wären sang- und klanglos verschwunden.“

Weit und breit nur Erde und Rasen

Der Lärm des Traktormotors zerreißt die Stille. Das Gefährt stoppt so, dass der spitze Bohrer genau über dem ersten angedeuteten Loch hängt. Einer der Arbeiter stellt sich hinten auf den Bohrer und dreht an einer großen Kurbel, der andere sitzt im Fahrerhäuschen und gibt Gas. Ein paar Sekunden nur bohrt sich das Gerät durch die Kraft der Krubelwelle in die Erde, etwa einen halben Meter tief. Beim Herausziehen gibt der Fahrer Vollgas. Ein weiterer Mann mit dunkler Anzughose, Lederschuhen und Regenjacke eilt herbei, holt die erste Urne und legt sie ins frisch gebohrte Loch. Und dann wieder: anfahren, bohren, Vollgas, hochziehen, anfahren.

Nach einer halben Stunde bleiben 20 Hügelchen, wie von einem Maulwurf aufgeworfen. Ihre Reihenfolge ist festgelegt. Am Rand der grauen Gehwegplatten, die aufs Grabfeld führen, sind Pflastersteine eingelassen. Mit ihrer Hilfe weiß die Friedhofsverwaltung genau,wo Herbert,Wilhelm, Margarete liegen, falls sich doch noch ein Angehöriger oder Freund findet, der einen Stein aufstellen will. Das passiert selten. Fünf Reihen weiter oben liegen ein Gesteck und eine welke Rose, sonst sind weit und breit nur Erde und Rasen zu sehen. Und das Grablicht, das Frater Rafael aufgestellt hat. Es wird nicht sehr lange leuchten. Nach einer Stunde ist der erste Zentimeter Wachs schon flüssig. Die kleinen Hügel, unter denen die Urnen liegen, sinken unter den Regentropfen langsam in sich zusammen. Bald werden die neuen Grabreihen so aussehen wie die aus den vergangenen Wochen, schmierig, braun und aufgewühlt. Es wird bis zum Frühling dauern, bis Gras über sie wächst. Dann wird Grabfeld 319- 12.01 voll sein. Es sind nur noch neun Reihen frei.


Der Artikel ist bereits im Februar 2007 in chrismon plus erschienen.

Gesellschaft

Einsam bis in den Tod

In Deutschland werden immer mehr Menschen „zwangsbeigesetzt“, weil sich keine Angehörigen finden. In diesem Fall sind die Städte verpflichtet, für eine Bestattung zu sorgen und dafür zu zahlen.

Noch die Regel: ein fester Trauerort für HinterbliebeneNoch die Regel: ein fester Trauerort für Hinterbliebene

08. Mai 2004

Zum Trauern ist wieder keiner gekommen. Einsam steht Frater Rafael auf der grünen Wiesen vor drei hölzernen Transportkisten. Auf den Deckeln steht „ZB“: Zwangsbeisetzung. Im Hintergrund warten schon vier Friedhofsangestellte, neben sich zwei Schaufeln und einen mächtigen Erdbohrer, der später ganz leicht 80 Zentimeter tief in den noch feuchten Boden eindringen wird. Frater Rafael singt ein „Vater unser“, spricht ein „Gegrüßet seist Du, Maria“. Dann nähert er sich den Kisten, verneigt sich vor dem Inhalt und bekreuzigt jede einzelne Urne.

Zehn Tote in sieben Tagen – keine ungewöhnliche Zahl. „Im Moment stagniert es Gottseidank etwas“, hatte Pastor Jürgen Probst am Tag zuvor nach der Aussegnung gesagt. Es gab aber auch schon Wochen, in denen die beiden Geistlichen bis zu 25 Urnen auf dem Hamburger Friedhof Öjendorf unter die Erde gebracht haben. Im Frühling und vor allem im beginnenden Sommer steigt offenbar auch der Lebensmut von Menschen, die vermeintlich oder tatsächlich keine Angehörigen mehr haben.

„Ein Großstadtphänomen“

Frater Rafael geht vorsichtig über den Rasen, als ob er noch wüßte, wo in den vergangenen Monaten und Jahren die Löcher gebohrt und die Urnen versenkt wurden. An den meisten Stellen ist schon Gras über die Toten gewachsen, über eine der Wiesen fährt ein großer Rasentraktor. Wer aber wo seine letzte Ruhe gefunden hat, weiß zumindest die Friedhofsverwaltung genau. So erklärt sich die Schale mit Stiefmütterchen, und – einige Meter weiter – das Holzkreuz, das einsam aus der ansonsten vollkommen ebenen und grünen Fläche herausragt. „Die Wiese, die wir seit vergangenem Sommer mit Urnen bestücken, ist fast schon wieder voll“, sagt Frater Rafael. Nach und nach verschwinden auch an diesem frühen Morgen die bräunlich gefärbten Urnen mit ihren silbernen Deckeln im Erdreich, rutschen sanft von der Schaufel hinab in die zuvor gebohrten Löcher.

Namen haben die Toten fast immer. Pastor Jürgen Probst, der sich mit Frater Rafael bei den wöchentlich stattfindenen Beerdigungen abwechselt, hatte sie bei der Aussegnung im Feierraum Nord des Friedhofs verlesen lassen. Die Namen deuten auf das Alter der Verstorbenen hin: „Gerda, Josef, Anton.“ Obdachlos oder drogenabhängig sind die wenigsten von ihnen gewesen. Pflegebedürftig und dement waren einige von ihnen. Das einzige, was sie alle verbindet: Es findet sich niemand, der für ihre Beisetzungen zahlen kann oder will. „Es ist ein Großstadtphänomen“, sagt Pastor Probst. „Immer mehr Menschen leben und sterben alleine – auf der Straße oder in den eigenen vier Wänden.“ Und immer öfter weigern sich die nächsten Angehörigen, für die Beerdigung der Mutter, des Bruders oder der Tochter zu zahlen. Weil der Kontakt seit Jahren abgerissen war, der Sohn Aids oder die Tochter einfach nur den falschen Mann geheiratet hatte. Pastor Probst meint: „Auf dem Land gibt es das nicht. Da würde man ja sofort sein Gesicht verlieren.“

„Bestattungspflichtige“ Angehörige

Eine Beerdigung ist teuer: Im Schnitt zahlt ein Deutscher 5000 Euro. Noch in den achtziger Jahren erhielten Angehörige, die für die Bestattung aufkamen, mehr als 4000 Mark von der Versicherung des Verstorbenen. In den neunziger Jahren wurde das sogenannte Sterbegeld der gesetzlichen Krankenkassen mehrfach reduziert. Bis zum vergangenen Jahr waren es dann noch rund 500 Euro. Am 1. Januar 2004 wurde der Zuschuß endgültig gestrichen. Zugleich stieg die Zahl der Toten, die von den Kommunen bestattet werden müssen, deutlich an: In Hamburg waren es 1998 rund 380, im vergangenen Jahr waren es schon mehr als 800. Und in den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden bereits 265 Tote ohne Angehörige auf dem dafür zuständigen Friedhof Öjendorf beigesetzt; allerdings läßt sich die Zahl nicht einfach mit drei multiplizieren, da in den Wintermonaten mehr Menschen sterben als im Sommer. In Berlin ist die Tendenz nicht anders: Zwar liegen für die Hauptstadt insgesamt keine Zahlen vor, weil die Bezirke für „alleinstehend Verstorbene“ zuständig sind. Als Beispiel aber nennt die Berliner Gesundheitsverwaltung den Bezirk Lichtenberg: 2002 gab es dort 68, 2003 bereits 136 Bestattungen, die die Bezirksämter zahlen mußten.

Dabei sind Angehörige ersten und zweiten Grades (Ehegatten, Kinder, Eltern, Geschwister, Großeltern oder Enkel) in Deutschland eigentlich „bestattungspflichtig“, wie es im Bestattungsgesetz heißt. Verstorbene dürfen allerdings nicht unbegrenzt gelagert werden. Findet sich nach einigen Tagen oder Wochen kein naher Verwandter, sind die Städte verpflichtet, für eine Bestattung zu sorgen und dafür zu zahlen. Allerdings wird auch danach noch nach einem möglichen Kostenträger gesucht – mit zumeist wenig Erfolg. Auch Umbettungen, wegen der Achtung der Totenruhe ohnehin nur in Ausnahmefällen zulässig, sind die Ausnahme.

Christliche Bestattung

Manchmal kommen zu den Beisetzungen auf dem Friedhof Öjendorf Hinterbliebene. „Das ist dann meist sehr bewegend“, sagt Pastor Jürgen Probst. Vor zwei Wochen seien plötzlich sechs Tippelbrüder aufgetaucht, um ihrem Kumpel die letzte Ehre zu erweisen. „Zum Abschied haben sie eine Flasche Korn über seiner Urne ausgegossen.“ Das sei aber kein typischer Fall gewesen, versichert Pastor Probst, sondern eher der Tote, der längere Zeit unbemerkt in seiner Wohnung gelegen habe und zu dessen Begräbnisse dann niemand komme. Pastor Probst ist Heimseelsorger, eingesetzt vom Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Stormarn. Täglich hat er mit alten und schwerkranken Menschen zu tun, die vor allem unter Demenz leiden. „Ihre Zahl wächst jährlich um 200.000.“ Gerade sie gehören seiner Meinung nach zu den Menschen, die irgendwann einmal einsam und „alleinstehend“ sterben.

Seit vier Jahren organisiert Pastor Jürgen Probst, Jahrgang 1949, ehrenamtlich die Beisetzungen auf dem Friedhof Öjendorf. „Das habe ich Renate zu verdanken“, erzählt er. „Sie nahm regelmäßig an meinen Gottesdiensten teil. Eines Tages kam sie nicht, und niemand konnte mir sagen, was aus ihr geworden ist – nicht einmal ihr Lebensgefährte.“ Er könne sich ja mal bei der Gerichtsmedizin erkundigen, habe man ihm geraten. Erst nach einigen Tagen fand er Renate auf dem Friedhof Öjendorf wieder, in aller Stille und im Auftrag der Behörde für Soziales und Familie beigesetzt. Angehörige konnten nicht gefunden werden, die Kosten übernahm, wie in solchen Fällen üblich, die Stadt.

Seither sorgt der Geistliche für eine christliche Bestattung von Toten, die wie Renate einsam gestorben sind. Im November 2002 wurde auf seine Initiative hin die Skulptur „Die Beweinung“ von der Hamburger Künstlerin Ricarda Wyrwol aufgestellt. Bei dieser Veranstaltung lernte Pastor Probst den ehemaligen Benediktiner Frater Rafael kennen. Der Zweiundvierzigjährige, der seit 1991 verheiratet und Vater von zwei Töchtern ist, bietet christliche Beerdigungen für Menschen an, die keiner Kirche angehören. Seither wechseln sich die beiden Geistlichen bei den Aussegnungen und den sich anschließenden Urnenbeisetzungen ab.

Preiswerte Feuerbestattung

In Hamburg werden Tote ohne Angehörige grundsätzlich verbrannt. Der Friedhof Öjendorf, mit 93 Hektar einer von zwei großen Zentralfriedhöfen, hat ein eigenes Krematorium – das größte in Deutschland. Feuerbestattungen sind vor allem im Norden und Osten der Republik die Regel. Sie werden aber insgesamt immer beliebter (in Hamburg stieg ihre Zahl 2003 um vier Prozent), weil sie wesentlich preiswerter sind als Erdbestattungen. Eine Einäscherung auf dem Friedhof Öjendorf kostet 281 Euro. Für die schlichte Beisetzung eines Toten ohne Angehörige werden der Behörde für Soziales und Familie 1650 Euro in Rechnung gestellt. Darin ist alles enthalten: die Überführung und Kühlung des Leichnams, die Einäscherung in einem Sarg, die Urne, der ein Schamottstein mit Angaben zum Toten beigefügt wird, die Beisetzung sowie eine fünfundzwanzigjährige Mindestruhezeit mit Grabpflege.

Auch in München werden die Toten ohne Angehörige (2003 waren es 865, Tendenz steigend) feuerbestattet. Henrik Jörgens vom Referat für Gesundheit und Umwelt begründet die Urnenbeisetzung mit einer leichteren Umbettung der Toten. Die allerdings sei in der Landeshauptstadt ebenfalls selten. Die einfachste Ausführung einer Feuerbestattung kostet 2000 Euro. Die Urnen werden auf den Stadtteilfriedhöfen meist in einer sogenannten Sammelgitternische beigesetzt, die sich in einer dafür vorgesehenen Mauer befindet. In Dresden, wie überhaupt in den Städten der neuen Bundesländer, werden mehr als 90 Prozent der Verstorbenen kremiert – auch die etwa 240 „Sterbefälle ohne Hinterbliebene“, wie sie vom Ordnungsamt offiziell geführt werden. Allerdings ist diese Bezeichnung mißverständlich: Denn die Verstorbenen haben häufig sehr wohl Hinterbliebene, die aber nicht in Erscheinung treten. Und weil Sachsen als einziges Bundesland kein Erbenermittlungsgesetz hat, fällt es den Angehörigen leicht, ihrer Pflicht nicht nachzukommen.

„Leichentourismus“ gen Osten

Viele Dresdner lassen sich auf einem ihrer 56 Friedhöfe in einer Urnengemeinschaftsanlage unter grünem Rasen beisetzen. Dabei werden acht Urnen zusammen bestattet – im Abstand von etwa 50 Zentimetern. „Wir stellen regelmäßig ein oder zwei Urnen von alleinstehend Verstorbenen dazu“, berichtet Peter Hofmann, Betriebsleiter des städtischen Friedhofs- und Bestattungswesens. „Sie nehmen an einer Feier teil, es gibt Musik und eine Trauergemeinde. Sie werden also genauso wie die meisten anderen Bürger bestattet.“ Die Einäscherung im kommunalen Krematorium kostet 165 Euro, der Stadt werden 1300 Euro in Rechnung gestellt.

Die preiswerteren Bestattungsmöglichkeiten im Osten der Republik haben in manchen westdeutschen Kommunen dazu geführt, daß Stadtverwaltungen auf die Idee kamen, Tote ohne Angehörige auf Reisen zu schicken. In Offenbach war es eine Zeitlang üblich, Leichname in Thüringen einäschern und bestatten zu lassen. Mit dem Amtsantritt der neuen Sozialdezernentin Birgit Simon wurde diesem „Leichentourismus“ vor acht Monaten ein Ende gesetzt. „Wir wollen niemanden als Menschen und auch nicht als Toten zweiter Klasse behandeln“, sagt die Grünen-Politikerin. Sie bestätigt, daß selbst in einer kleinen Großstadt wie Offenbach (mit knapp 120.000 Einwohnern) die Zahl der Toten ohne Angehörige langsam, aber stetig wächst: Rund 50 waren es im vergangenen Jahr.

Kein fester Trauerort

Nur in wenigen deutschen Großstädten werden die einsam Verstorbenen nicht kremiert, sondern in Särgen erdbestattet: unter anderem in Frankfurt (etwa 100 im Jahr 2003) und in Nürnberg (rund 150). Dafür sind Reihengräber vorgesehen, die in Frankfurt sogar mit einem Holzkreuz (einem sogenannten Notkreuz) ausgestattet werden. In Nürnberg werden kleine Namenssteine auf die mit Rasen oder Blumen bepflanzten Gräber gelegt. Der Platzverbrauch ist groß: 2,60 mal 1,30 Meter stehen jedem Toten zu.

Soviele Quadratmeter muß der Friedhof Öjendorf in Hamburg den Toten ohne Angehörige nicht einräumen. Aber sie werden auch nicht benachteiligt. Im Gegenteil: Nur einige hundert Meter weiter werden anonyme Urnenbeisetzungen vorgenommen, für die sich Menschen entscheiden können, die ihren Hinterbliebenen keinen festen Trauerort hinterlassen wollen. Und weil das so ist, werden sie im Abstand von nur 30 Zentimetern beigesetzt. Doppelt soviel Platz und für Urnenbeisetzungen eine durchaus übliche Fläche (60 mal 80 Zentimeter) wird den Toten ohne Angehörige zugestanden – für den so gut wie unwahrscheinlichen Fall, daß sich doch noch jemand findet, der das Grab irgendwann einmal bepflanzen und regelmäßig besuchen möchte.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2004, Nr. 107 / Seite 7
Bildmaterial: ZB

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedenken an die Opfer der Anschläge des 11. Septembers 2001

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,
als wäre es Gestern gewesen, so kann sich fast ein Jeder an die Ereignisse von vor zehn Jahren genauestens erinnern. Es hat wohl kaum Jemanden gegeben, der nicht von dieser Tragik überrollt wurde. In den Vormittagsstunden des 11. Septembers 2001 rasen innerhalb von zwei Stunden zwei Airliner in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York. Ein Anschlag der innerhalb der Geschichte der Menschheit beispielslos ist und hoffentlich auch bleiben wird.

Es sind 3000 Menschen die damals am 11. September 2001 ihr Leben lassen mußten. Es traf Menschen, die verschiedenster Nationalität waren und somit wurde damals ein Angriff auf die Menscheit verübt. Es gilt diesen Menschen, die dort ihr Leben ließen, auch nach zehn Jahren, Achtung wie Mitgefühl zu zeigen. Menschen, die Mütter, Väter, Brüder und auch Schwestern dieser Städte New York wie auch Washington waren.

Auf dem Öjendorfer Friedhof hier in Hamburg ist ein Gedenkweg vor Jahren entstanden, der auch dieses Jahr und für dieses Gedenken besuchbar ist.
Eingebettet in die Grabfelder 318 und 319 des Öjendorfer Friedhofs liegen zehn Findlinge, die in gut lesbaren Lettern z.B. die Bezeichnung „Vater“ und „Mutter“, „Tochter“ und „Sohn“, „Freund“ und „Freundin“ tragen. Die Steine symbolisieren das Beziehungsgeflecht, in dem auch die hier beigesetzten Verstorbenen – Töchter und Söhne, Mütter und Väter unserer Stadt – gelebt haben. Die Grabfelder werden so zu einem Gedenkweg, insbesondere zum Gedenken an die hier bestatteten Menschen, für deren letzte Ruhestätte nicht die Angehörigen, sondern die Stadt und die Kirchen gesorgt haben. Der Gedenkweg soll zum Nachdenken anregen über die Umstände ihres Lebens und ihres Todes. Eine große Informationstafel am Beginn des Weges veranschaulicht dies.

Die Konzeption der Gedenkstätte ist von der Künstlerin Maximiliane von Dohnányi.

Am 11. September 2011 möchte ich Sie Alle herzlichst einladen mit mir diesen Gedenkweg gemeinsam zu gehen. In den Nachmittagsstunden des 11. Septembers 2001 hörten wir über verschiedensten Kanälen von diesen Attentaten und daher macht es Sinn um 15 Uhr diese Gedenkstunde dort abzuhalten. Blumen und Kranzspenden für die elf Steinfindlinge können über eine zentrale mir bekannte Blumenhandlung bestellt werden. Es ist die

Goetz Dekorationsgesellschaft mbH, Alsterdorfer Straße 534, 22337 Hamburg
Telefon 0 40 / 50 57 00 , Telefax 0 40 / 50 33 96

Anspechpartnerinnen dort sind Frau Brath und Frau Sprüß.

Wenn sie weitere Infos brauchen, die den Weg betreffen und auch das Denkmal selbst, so können sie über die Hamburger Friedhöfe im Internet oder selbst bei den Friedhöfen nachfragen.

Der Zeitrahmen dieses Gedenweges mit Ansprache und zehn mal 5 Minuten Schweigen beläuft sich auf 9o Minuten. Vorschläge für die weitere Gestaltung nehme ich gern entgegen!

Somit verbleibe ich mit segensreichen und freundlichen Grüßen

Ihr/ Euer

Frater Rafael

 

 

 

 

Aufkündigung der Finanzierung meiner ehrenamtlichen Tätigkeit

Ab April 2011 bin ich in meiner ehrenamtlichen Arbeit wieder ohne Sponsor, portrait-150x1501
hier das Schreiben des bisherigen Sponsors, vom 10. November 2010:

Lieber Frater Rafael,
im Rahmen unserer Haushaltsplanung haben wir
beschlossen, Ihren Vertrag zum 31.03.2011
auslaufen zu lassen.
Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen.
Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei
Ihrer segensreichen Tätigkeit!
Mit freundlichen Grüßen
G.F. und T. v. B.
(Der Sponsor, der auch weiterhin unerkannt bleiben möchte)